Framing the Fringe / Die Rahmung des Randes

 

Fotoserie, 2013-2014
C-Print, Holz, Tonspur

 

 

Die Fotoserie »Framing the Fringe« / »Die Rahmung des Randes« entstand während einer Autoreise entlang der Ostgrenze der Europäischen Union. Das Zentrum jeder fotografischen Aufnahme bildet ein konventionelles Navigationsgerät. Es zeigt, dass das Foto direkt vor der jeweiligen Außengrenze aufgenommen wurde. Die Landschaft um die Grenzlinie bildet den Hintergrund.

 

Der Umfang der jeweiligen Rahmung eines Bildes entspricht der Länge der EU-Außengrenzen des Landes, in dem das Foto entstand und übersetzt so die Grenzlängen (zwischen Estland–Russland, Litauen–Kaliningard, Polen–Kaliningrad, Litauen–Belarus, Lettland–Russland, Lettland–Belarus, Polen–Belarus, Polen-Ukraine, Rumänien-Ukraine, Rumänien-Moldawien, Ungarn-Ukraine, Slowakei-Ukraine, Bulgarien-Griechenland, Griechenland–Türkei) in die Dimension eines gängigen Formats des Ausstellungsraumes.

 


 

Die Wälder an den Grenzen schweigen, sie stehen grün und der Wind streift durch ihre Blätter und wiegt sie zaghaft hin und her . Es ist Sommer . Vögel zwitschern und Bienen summen durch die Landschaft und folgen dem Duft der Blüten.

Wir fahren nun langsamer auf dem kleinen Feldweg neben der Landstraße. Ich öffne das Fenster des Toyota und atme tief ein. Unsere Geschwindigkeit beträgt jetzt 0,00 km/h, es ist nach mitteleuropäischer Sommerzeit 10:58 h und das Navigationsgerät heißt uns nach 3,3 km Richtung Leszno weiterzufahren. Die Frauenstimme beharrt noch einige Male höflich darauf bei der nächsten Möglichkeit links abzubiegen, bevor wir das Gerät zum Schweigen bringen und aussteigen, um eine Zigarette zu rauchen. Um uns ragt das Gras fast mannshoch und die Laubbäume stehen teilnahmslos am Wegrand. Wir befinden uns an der unsichtbaren Grenze der Europäischen Union – an der Trennlinie von Polen und Ukraine. Wir wollen diese nicht passieren und wir sind auch keine Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die mit hochtechnisierter Ausrüstung an den Fransen des europäischen Wirtschaftsteppichs patrouilliert und darauf achtet, dass nur gebetene Gäste das Wohnzimmer betreten. Nein, wir wollen nur einmal mit eigenen Augen sehen, wie diese Grenze des »besseren Europa« aussieht.

 

So mag es gewesen sein, als die Künstlerin und der Künstler von Griechenland über Rumänien, Ungarn, die Slowakische Republik bis nach Polen und ins Baltikum an den östlichen Außengrenzen der EU entlang gereist sind.

 

Ihre Fotografien von eben diesem Rand zeigen nichts Spektakuläres. Die Grenzverläufe scheinen größtenteils willkürlich in der Landschaft zu liegen, nur die Trennung von Estland und Russland wird durch die natürliche Grenze eines Sees gebildet. Dennoch, diese feine Linie, die unterschiedliche Regierungsräume trennt, kann ein Leben bedeuten, kann bedeuten nicht gefoltert oder eingesperrt zu werden, verspricht die Möglichkeit etwas zu lernen, zu verdienen, seine Familie wiederzusehen oder einfach Teil am guten Leben zu haben.

 

Johanna Tinzl und Stefan Flunger haben die Randzonen des europäischen Wirtschaftsraumes, welche die EU vom Rest der Welt trennt, aufgesucht und diese ins Bild gesetzt. Einerseits indem sie durch die Windschutzscheibe des Autos fotografierten und andererseits indem sie die jeweilige Grenzlänge in das Format des Bildes den Bildumfang übersetzten; also ist ein Bild der ungarisch-ukrainischen Grenze, die 103 km beträgt, wesentlich kleiner, als das Bild der rumänisch-ukrainischen Grenze, deren Grenzlänge 531 km beträgt. Die unterschiedlichen Dimensionen der Bildobjekte der Ausstellung verweisen also auf die Menge der Schnittpunkte der geschiedenen politischen Räume. Die Linie entlang derer sich die Möglichkeit zu einem anderen Leben oder dem Überleben entfalten, werden so im Rahmen gefasst. Die Spiegelung der Windschutzscheibe, die Spuren auf der Glasfront verdoppeln zugleich den Effekt der Glasplatte des Bilderrahmens und irritieren die BetrachterInnen.

 

Die Motive der Farbfotografien sind meist kleine Straßen und schmale Wege, die von Allerwelts-Landschaften gesäumt werden: grüne Wiesen, Blumen und Bäume unter blauem Himmel mit weißen Wölkchen. Fast idyllisch erscheinen diese, neben den gängigen Markierungen der Infrastruktur wie Schilder , Strommasten und Spuren landwirtschaftlicher Nutzung.

 

Kein Mensch ist in den Fotografien zu sehen. Dennoch zeigen sie den Menschen als Repräsentant dieser Landschaften, mehr noch, sie zeigen ihn durch ein Instrument ihrer Beherrschung: in Form eines Navigationsgerätes, das jeden Winkel dieser zweiten Natur mit Satelliten erfasst.

 

Was dem Künstlerduo als Orientierungshilfe im Auto dient, repräsentiert eine der zahlreichen Technologien, die dem Kontrollregime an den Grenzen nützlich ist, die Mauern und Zäune zur Sicherung der sogenannten Festung Europa anachronistisch erscheinen lässt und mit deren Hilfe das humanistische Gesicht Europas nicht verunstaltet zu werden droht, während man die Zäune und Mauern anderer Staaten beschimpft.

 

Die zurückhaltende Markierung der Ränder an den Ostgrenzen der europäischen Union, die Johanna Tinzl und Stefan Flunger ins Bild setzen, soll gerade nicht über den herrschenden Exklusionsmechanismus, das brutale Vorgehen etwa von Frontex, der Türsteher der EU, hinwegtäuschen, die weit davon entfernt sind, das Gebot der Gastfreundschaft auch nur annähernd zu erfüllen. Die EU ist schließlich Friedensnobelpreisträgerin seit 2012. Wie die beiden KünsterInnen in einer vorangegangenen Auseinandersetzung mit der europäischen Grenzpolitik in ihrer Ausstellung »BLOCK« bereits zeigten, sind die Defizite der EU-Politik »zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten« [1] massiv. Die Verschiebung von Asylsuchenden in menschenunwürdige Lager außerhalb der EU-Grenzen und die radikale Zurückweisung, ohne Rücksichtnahme auf die Einhaltung »humanistischer Standards«, an den Rändern des europäischen Wirtschaftsraums, sind die politische Realität des europäischen Traums.

 

Mit ihrer Fotoserie »Framing the Fringe«, was man übersetzen könnte als »Rahmung des Randes«, machen Johanna Tinzl und Stefan Flunger ein Bild von den Ausläufern europäischer Politik und zeigen zugleich die Unsichtbarkeit von deren Grenzen und des dort herrschenden Kontrollregimes.

 

Hinterfragt werden mit dieser schlichten konzeptuellen Umsetzung Legitimität und Konsequenz dieser willkürlich erscheinenden Linien inmitten der Landschaften, die so abstrakt bleiben, wie das Netz, welches sich im Bild des Navigationsgerätes abzeichnet und die – selbst wenn man unmittelbar vor ihnen steht – nichts sagen von der Sprache, den Beziehungen und den Sehnsüchten der Menschen, die diesseits und jenseits dieser Linien leben – von dem Duft der Blumen, dem Summen der Bienen und den ziehenden Wolken ganz zu schweigen.

 

[1] So die Begründung zur Verleihung des Nobelpreises an die EU.

Vgl. http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/2012/(24.06.2013).

 

Text: © Katharina Rettelbach