Sonst weiß ich über die Mauer nicht viel zu sagen, außer, dass sie uns gut eingeschlossen hat

 

Video, 2009-2011

5 Kanal, 51:03 min

1 Beamer

3 Lautsprecher

2 Funkkopfhörer mit jeweils einer Audiocollage

 

 

Noch nicht abgeschlossen

 

Objekte, 2011

MDF-Platten, Nägel, Spachtelmasse

234-240 cm x 13,5 cm x 16 cm

 

 

Ausgangspunkt der Ausstellung in der Wiener VBKÖ (Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs) war eine Auseinandersetzung mit der in Wien geborenen und in Auschwitz ermordeten Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis. Sie selbst stellte 1926 in der VBKÖ im Rahmen einer Gruppenausstellung aus. Friedl Dicker-Brandeis war eine der ersten BauhausschülerInnen, aktiv im kommunistischen Widerstand im NS und wurde als Jüdin verfolgt. Vor ihrer Ermordung wurde sie in Theresiestadt inhaftiert, wo sie Kindern Kunstunterricht erteilte. Einige ihrer Schülerinnen – die Mädchen vom Zimmer 28 – überlebten. Im Laufe ihrer Recherche nahmen Johanna Tinzl und Stefan Flunger zu dreien von ihnen Kontakt auf, woraus sich eine intensive Zusammenarbeit entwickelte.


Bei verschiedenen Treffen mit Anna Flachová-Hanusová, Helga Pollak-Kinsky und Ela Stein-Weissberger machten Johanna Tinzl und Stefan Flunger Video- und Tonaufnahmen Die Entwicklung einer offenen Gesprächssituation sollte Raum für Bericht, Erzählen, für eine Selbstdarstellung der Frauen, jenseits einer Objektivierung als Zeitzeuginnen, ermöglichen. Der künstlerische Prozess, die Auswahl und Verarbeitung des Materials verlief stets im Austausch und nach Vereinbarung mit den drei Protagonistinnen. Die intensive Beziehung der drei Frauen untereinander und ihre Gelassenheit vor der Kamera lassen sich in einem Video nachvollziehen, dessen Titel sich schlicht aus den Namen der Gefilmten ergibt.


Johanna Tinzls und Stefan Flungers Annäherung an das Thema begann mit einer Fahrt nach Terezín, zum ehemaligen KZ Theresienstadt. Ihr erster Weg ist eine Umrundung des KZs, welcher zur Entstehung ihrer Videoarbeit »Sonst weiß ich über die Mauer nicht viel zu sagen, außer, dass sie uns gut eingeschlossen hat« führte.


Mit wackliger Handkamera gefilmt wird der gesamte Komplex Theresienstadt, heute Terezín, von außen gezeigt. In Schrittgeschwindigkeit geht der Blick vorüber an Mauern, Zäunen, Stacheldraht, über eine Straße hinweg. Zu hören sind die Schritte der Filmenden, raschelndes Laub, vorüberfahrende Autos und der Wind im Mikrofon. Eine zweite Sound-Ebene bilden aktuelle Tonaufnahmen mit den Frauen: Lieder der gemeinsam im KZ aufgeführten Kinderoper »Brundibár« und der Gesang und das Klavierspiel von Anna Flachová-Hanusová, die nach ihrer Befreiung Karriere als Sängerin und Pianistin machte. Sie spielt u.a. Chopin und Schuhmann und singt Brahms`»Guten Abend, gute Nacht«. Die für viele schon als Kind beunruhigenden Verse des Liedes »Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt«, gewinnen in Anbetracht dessen, dass dessen Sängerin den Holocaust überlebte, und damit zufällig der Vernichtungsmaschinerie entkam eine schmerzend wahrhaftige Dimension.


Die Aufladung der schnöden Szenerie mit der Musik mündet nicht im Erinnerungskitsch, denn die Vertonung ist kein Soundtrack, der nur die Affekte der BetrachterInnen in Gang setzen soll, sondern sie ist selbst Verkörperung. Die Darstellung bleibt ganz im Gegenwärtigen, ihre Brüchigkeit rührt von den gealterten, zugleich lebhaften Stimmen her, die die kämpferischen Kinderlieder singen und die Musik der Romantik, die nicht auf die beseelte Landschaft projiziert, sondern dem historischen Tatort gegenübersteht. Die romantische Entrückung wird außerdem durch unvermittelte Störungen gehindert, wenn beispielsweise plötzlich die Stimme der Sängerin und Pianistin Anna Flachová-Hanusová das Stück mit der Anmerkung zum eigenen Klavierspiel – »Das ist der magische Finger« – unterbricht. Die Subjektivität der Singenden wird konsequent in den Vordergrund gesetzt.


Nicht zuletzt im Titel »Sonst weiß ich über die Mauer nicht viel zu sagen, außer, dass sie uns gut eingeschlossen hat«, ein Zitat von Helga Pollak-Kinsky aus einem Gespräch über Theresienstadt, versuchen Tinzl und Flunger den Zeitzeuginnen das Wort zu überlassen.


Mit dem konsequenten Blick von Außen auf das Gelände des ehemaligen KZs Theresienstadt vermeiden die beiden KünstlerInnen die Anmaßung den Blickwinkel der Opfer aus dem Inneren des KZs nachzuvollziehen. Durch diese Leerstelle in der Visualisierung, die etwa auch auf das Zeigen von historischem Material verzichtet, verstärken sie zugleich die Perspektive der Überlebenden und lassen deren Erinnerungen stattdessen hörbar werden – Aufnahmen von Erzählungen der Überlebenden werden mit Funkkopfhörern übertragen, mit denen die BesucherInnen durch die Ausstellung gehen können.


»Noch nicht abgeschlossen«, so informiert uns der lapidare Titel der Installation: Rohe Plastiken aus nachlässig verspachtelter Mdf-Platte in angedeuteter J-Form liegen oder lehnen in der Ausstellung, ihre physische Präsenz assoziiert das im zeitgenössischen Ausstellungsraum nicht ungewöhnliche modernistisches Vokabular mit dem Gefühl von der Begehung eines maroden Geländes – im Video spiegelt sich die Form der Objekte in den Pfeilern wider, die eine Umzäunung auf dem äußeren Wall Terezíns einst befestigt haben. Auch wenn die Zaunstützen, wie die KünstlerInnen recherchierten, aus Zeiten des Kommunismus stammen, so rufen sie dennoch sofort Auschwitz im Bild von Pfeiler und Stacheldraht auf.


So funktionslos diese Pfeiler im Video heute auch sein mögen, was sie assoziieren, zeugt von barbarischer Gewalt. Und auch beim Anblick der elegant an der Wand lehnenden, der umgestoßenen Pfeiler im Ausstellungsraum stellt sich kein Triumph darüber ein, dass diese nun nicht mehr »gut einschließen« können – als BetrachterIn kann man sich der Dimension der Objekte nicht entziehen.


»Noch nicht abgeschlossen« – in der Doppeldeutigkeit des Titels klingt die Unabgeschlossenheit des gesellschaftspolitischen Prozesses an, wenn zugleich schlicht darauf verwiesen wird, dass die vorliegende Installation, ihre Objekte unfertig sind und am Material noch zu arbeiten wäre. Der elliptische Titel verweist auf die fortwährende Notwendigkeit zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Der Partikel noch referiert auf die gängige Erwartung derer, die davon ausgehen, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit ausreichend vollzogen sein müsste und wendet sich ironisch gegen diejenigen, die "einen Schlußstrich darunter ziehen [wollen] und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. [1]


Zugleich klingt es als hielte der Titel selbst der Installation ihren leblosen Denkmalscharakter vor, der in Anbetracht der Gespräche mit den Überlebenden obsolet erscheint.



[1] Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft I/II. Gesammelte Schriften, Herausgegeben von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Band 10.2, Frankfurt am Main: 2003, S. 555.



Text: © Katharina Rettelbach, 2011